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Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche: Warum wir dringend Helden brauchen


Hannes Helden

Nichts ist beeindruckender und inspirierender, als Menschen mit Haltung und Rückgrat zu begegnen. Helden eben.

Echten Helden ist es egal, ob sie beliebt sind oder nicht. Sie wollen nicht bewundert werden, sie wollen keine      Streicheleinheiten, sie wollen einfach ihr Ding machen. Sie tun das, woran sie glauben und wovon sie überzeugt sind – so gut es eben geht.

Hannes Jaenicke erklärt in seinem Buch nicht nur warum wir mehr Helden brauchen, sondern stellt auch einige seiner ganz persönlichen Helden vor.

David, Markus Strobel, Jane Goodall und Götz George sind vier davon:

David

 

 

 

David, ein Fahrer aus Goma, der Stadt im Ost-Kongo, die von den dort stationierten UN-Soldaten liebevoll »Das Arschloch der Welt« genannt wurde, hatte uns abgeholt und in den Virunga Nationalpark gefahren, wo angeblich eine der letzten größeren Populationen von Berggorillas lebte. Leider tobte in Virunga aber auch der Bürgerkrieg, vornehmlich um illegale Coltan-Minen und Holzkohle-Produktion. Aber eigentlich wusste keiner mehr so genau, warum hier wer gegen wen kämpfte.

Der dienstliche oder geschäftliche Aufenthalt in diesem Gebiet muss durch ein tragfähiges Sicherheitskonzept abgesichert sein, schrieb uns das Auswärtige Amt während der Vorbereitung.

Unser Sicherheitskonzept hieß David.

Man konnte nur bei Tag in den gigantischen Park rein und wieder raus, mit Sondergenehmigung, die Fahrt dauerte jeweils vier Stunden und glich einem Rodeo-Ritt. Es gab, wie gesagt, keine Straßen mehr, nur noch Schlaglöcher. Bei Nacht zu fahren war ein ziemlich sicheres Todesurteil, wir hatten also wenig Zeit. David war 27, unglaublich smart, sprach drei afrikanische Sprachen, daneben Englisch, Französisch, Spanisch und Mandarin: Er fuhr in seinem 30 Jahre alten Nissan Patrol regelmäßig internationale TV-Crews und Geschäftsleute durch das Kriegsgebiet oder zu den Minen und wollte auch von uns sofort Deutsch lernen. Er lachte den ganzen Tag und demonstrierte uns, ohne es zu wollen, dass es eine Entscheidung ist, ob man vergnügt und glücklich ist oder nicht. Und über welche Lappalien wir uns in Deutschland den Kopf zerbrechen.

David hatte nichts: Er wohnte in einer Bruchbude ohne fließend Wasser, aber mit Strom, wie er uns stolz zeigte. Er selbst ist Hutu, seine Freundin Tutsi, deren Familie großenteils beim Genozid in Ruanda umgekommen war. Schon zu dieser Beziehung gehörte Mut. Der Nissan gehörte irgendeinem Onkel, aber David hatte einen Schul-Abschluss und seinen Führerschein, und all das reichte, um aus David einen unerschütterlichen Optimisten zu machen, der uns den ganzen Tag lang von seinen Plänen und von der großartigen Zukunft seines Landes erzählte. Unfassbar.

Was uns an David so faszinierte, war, dass er in einer konkreten, ständigen Gefahr lebte und jeden Grund hatte, Angst zu empfinden, seine Existenz als unsicher wahrzunehmen. Und tat das auch, wie wir feststellen durften. Trotzdem schaffte er es, das Leben, die Zukunft positiv zu sehen. Das hatte er für sich so entschieden. Und die beste Nachricht, ein weiterer Fall von »self-fulfilling prophecy«: David hat Recht behalten. Der Krieg im Ost-Kongo ist vorbei, das Leben in Goma normalisiert sich, und David geht es gut. Er ist weiterhin Fahrer, aber mit einem feinen Unterschied: Er hat jetzt einen Toyota Land Cruiser, und der gehört ihm. Damit ist er im Kongo ein gemachter Mann …

 

 

 
 

Markus Strobel

Mein Doku-Partner und Kameramann Markus Strobel ist gebaut wie ein mittlerer oberbayrischer Baum, ohne je eine Muckibude besucht zu haben. Dafür schleppt er seit 30 Jahren sein Kamera-Equipment rund um den Globus. Und weil er 20 Jahre lang »Vox-Tours« gedreht hat, gibt es keinen Flecken mehr auf diesem Planeten, an dem Markus nicht schon mal sein Stativ aufgebaut hätte.

Seine Unterarme haben den Umfang meiner Oberschenkel, seine Waden sehen aus wie Luftballons. Als wir in Ruanda eine Doku über die Arbeit der »Christoffel Blinden-Mission« drehten, rannten uns einmal tuschelnde und kichernde Kinder solange hinterher, bis Markus irgendwann stehenblieb um die Kamera aufzubauen. Die Kinder schlichen sich von hinten heran, pieksten mit ihren Zeigefingern in Markus Waden und rannten schreiend davon. Die Kids konnten nicht fassen, dass es nicht »Peng!« macht, wenn man hineinpiekst.

Markus hat mit Politik, Umwelt- und Tierschutz wenig am Hut. Er besitzt den »Münchner Volkswagen« (Range Rover), einen Rassehund mit Stammbaum und auf seinem Esstisch baumelt gern auch mal an einem geschwungenen Holzständer mit Haken ein 10-Kilo-Serrano-Schinken, mit Huf wohlbemerkt. Auch sonst sind wir ausgesprochen unterschiedlich, als Team aber kaum schlagbar, weil wir erstens unglaublich viel zusammen lachen, und zweitens: »Mir scheiß’n uns nix«, wie Markus es formuliert.

Auf dem größten illegalen Tiermarkt der Welt in Jakarta wurden kürzlich drei Tierschutz-Aktivisten umgebracht. »Egal, dös dreh ’mer jetzt.« Costa-ricanische Fischer verprügeln jede Filmcrew und Organisation, die was gegen Haiflossen-Mafia und illegalen Fischfang machen wollen. »Wurscht, die Leut’ hier sin’ doch eh so klein.« Markus hat seine Kamera in Puntarenas erst von der Schulter genommen und ist losgerannt, als wütende Fischer ihm mit der Faust so auf das Objektiv hauten, dass ich dachte, es reißt ihm den Kopf ab. Wenn Markus sich in diesen Kopf gesetzt hat, gewisse Bilder zu kriegen, dann holt er sie sich, egal was passiert.

Jane Goodall

Eine ganz persönliche Heldin ist für mich die »Dame« Jane, wie sie mittlerweile geadelt heißt. Sie ist nicht nur die berühmteste Primaten-Forscherin, sondern auch die Umwelt-Aktivistin der Welt. Und mit über 80 die gleichzeitig älteste, jugendlichste und unermüdlichste.

Zum ersten Mal traf ich sie, als ich ihr 2008 in Berlin einen »Bambi« für ihr weltweites Umweltengagement überreichen und laudatieren durfte. Ich holte sie am Nachmittag vor der Preisverleihung am Tegeler Flughafen ab, fuhr ins Hotel mit ihr und half ihr mit ihrem Gepäck aufs Zimmer. Sie kam aus Madrid, wo sie einen Vortrag gehalten hatte, und trug einen schlichten Hosenanzug. Ich fragte, ob sie vielleicht einen Tee oder Kaffee möchte? »A cappuccino would be wonderful«, antwortete sie in ihrem makellosen Oxford English. Ich rief den Roomservice an, wenig später brachte ein Kellner den Kaffee mitsamt Silbertablett, Keksen und einer Dose voller Zuckertütchen. Jane nahm den Cappuccino vom Tablett, stellte ihn vor sich auf den Kaffeetisch und stand auf. Dann fummelte sie umständlich in ihren Hosentaschen herum, offenbar suchte sie etwas. Schließlich wurde sie fündig und zog ein fein säuberlich zusammengefaltetes, bereits geöffnetes Zuckertütchen heraus, »Azucar« stand darauf gedruckt. »There's sugar on that tray, Jane« sagte ich, weil ich dachte, sie hätte den Zucker auf dem Tablett übersehen. »Thank you, but I have some left from my last cappuccino in Spain«, erwiderte sie lächelnd. Sie faltete das »Azucar«-Tütchen auseinander und leerte den verbliebenen Rest Zucker in ihre Tasse. »You see, I only take half a sachet of sugar in my coffee«, sagte sie und begann zu rühren.

Seitdem weiß ich, was konsequent nachhaltiges Leben heißt: Jane Goodall ließ ein halb geleertes Zuckertütchen nicht im Fluhafen-Cafe in Madrid liegen, sondern faltete es zusammen, steckte es ein und verwendete die andere Hälfte für ihren nächsten Kaffee viele Stunden später. Und als wäre das nicht genug, hielt sie das leere Tütchen nun hoch, sah sich im Zimmer um und fragte: »Do you think they recycle paper in this place?« Wie bitte? Jane wollte auch noch dieses winzige Stück Papier hier recyceln?

Noch etwas wurde mir durch die Begegnung mit Jane Goodall klar: Glaubwürdigkeit, d.h. die Eigenschaft zu sagen, was man tut, und zu tun, was man sagt, nicht Wasser zu predigen und dann Wein zu trinken, ist ein echtes Pfund, ein ziemlich sicheres Erfolgskonzept, gegen das jede Form von Verlogenheit, Unehrlichkeit, Augenwischerei oder Bigotterie wenig Chancen hat. Und genau deshalb ist Dame Jane Goodall mit ihrer »Roots und Shoots«-Bewegung, ihrer »Jane Goodall Society« und allen anderen Aktivitäten so erfolgreich und weltweit bekannt.

 

Götz George

Die wichtigste Lektion erteilte George mir, ohne es zu ahnen, bei meinem ersten Film ›Abwärts‹. Ich war fest am Schauspiel Bonn engagiert, musste ständig zwischen Dreh in München und Vorstellung in Bonn hin- und herfliegen, und hatte keinen Schimmer vom Film. Es war Winter, wir drehten in einer leerstehenden Kaserne, in der ein Aufzug-Schacht und eine Aufzug-Kabine nachgebaut worden waren. Alle vier Hauptdarsteller von Abwärts wohnten im gleichen Hotel in Schwabing. Ich lernte meine erste ›Dispo‹ kennen: Mikroskopisch klein bedruckte Zettel, auf denen alles steht, was das gesamte Team über den nächsten Drehtag wissen muss, und die nach Drehschluss des vorhergehenden Tages am Set verteilt werden. Szenennummern, Motiv-Adressen, welches Requisit, Kostüm und Kamera-Equipment erforderlich ist, Arbeitszeiten etc. Ich verstand nur Bahnhof, bemerkte aber schnell, dass ein wichtiges Detail die morgendliche Abholzeit im Hotel war. Die fand ich mit einiger Mühe, stellte meinen Wecker entsprechend und ging pünktlich in die Lobby, um mit den Kollegen ins Produktionsauto zu steigen. Und jedes Mal stand George exakt zwei Minuten vor der Abholzeit vor dem Hotel auf der Straße, egal ob es schiffte, stürmte oder schneite. Man lässt einen Fahrer nicht warten, ein Team schon mal gar nicht. »Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige«, hatte mir meine Oma immer eingetrichtert. Götz war die Personifizierung dieses Sprichwortes. Umso erstaunlicher ist es, mit welcher Selbstverständlichkeit sich viele Kollegen ständig verspäten, sich gerne auch mal vom Produktionsfahrer überhaupt erst wecken lassen, dann aufstehen, duschen, ihr Drehbuch suchen und damit ein 50-Mann-Team einfach warten lassen. Für einen echten Star wie Götz waren Pünktlichkeit und Disziplin keine Überwindung oder Qual, sie gab ihm die Freiheit, sich auf das Wichtige zu konzentrieren und so groß zu werden, wie er war.

Mit dieser Größe ging er auch. Wie er es im Sommer 2016 geschafft hat, sich in Hamburg, der Hochburg der Yellow-Press, unbemerkt zu verabschieden, und dann genauso unbemerkt in seiner Heimatstadt Berlin beerdigt zu werden, wird sein Geheimnis bleiben. Die Presse brauchte drei Wochen, um herauszufinden, wo George ruht. Er mochte sie nicht, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Er wollte in seinem Grab weder die verlogenen Reden eitler Produzenten hören, noch irgendwelche Paparazzi sehen, die sich im Gebüsch verstecken, um obszöne Fotos der Witwe zu schießen. Er wollte spielen, nicht mehr und nicht weniger: Uneitler, würdevoller und diskreter kann ein Schauspieler dieses Kalibers nicht gehen. […] Echten Helden ist es egal, ob sie beliebt sind oder nicht. Die wollen nicht bewundert werden, die wollen keine Streicheleinheiten, die wollen einfach ihr Ding machen, das, woran sie glauben, wovon sie überzeugt sind – so gut es irgend geht, ob das opportun ist oder unbequem. Was andere davon halten, ist ihnen »shit-egal«
 

 

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Pressestimmen

»Es hilft dabei, sein eigenes Denken und Handeln zu hinterfragen und Bilanz zu ziehen. Sich zu fragen: 'Wie viele Ärsche möchte ich ertragen?'«, www.booknerds.de

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Hannes Jaenicke, geboren 1960, ist Schauspieler, Dokumentarfilmer und Querdenker. Mit seinen Büchern "Wut allein reicht nicht" (2010) und "Die große Volksverarsche" (2013) kam er auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. Für sein Engagement hat er schon zahlreiche Preise erhalten. Er lebt in Deutschland und in den USA.